Trainingslager Gatteo a mare 16. -  23. Mai 2009

    Dienstag, 19.Mai 2009
    Tagesbericht 4. Tag
    Ausfahrt nach San Marino: der Preis der Freiheit;

    Die Rolladenritzen liessen mir den strahlend blauen morgendlichen Himmel in einem feinen regelmässigen geometrischen Raster frei, ein mediterranes Licht, das mir Schlaftrunkenen beim Aufwachen in die Augen zwinkerte.  Ich reckte, streckte und spannte gerade meine harten und vom Vortag noch steifen Beine und Oberschenkel, als ein Handyanruf in die bereits geschäftigen Geräusche vom Strand einbrach und mir ein weitentfernter dreistimmiger Frauenchor die wahrscheinlich bekannteste Melodie der Welt ins Ohr träufelte: Tanti Auguri a te … Ja, ist dies nicht ein wunderbares Erwachen, Weib und Gesang schon frühmorgens, Ferien, das Meer in Sprungweite, ein grosses Frühstücksbuffet, das wartet, ein geputztes Rennrad mit neuem Schlauch im Hinterrad, tolle Kollegen, eine wunderbare Landschaft für strenge Ausfahrten,  alles beste Generika gegen vermeintliche Bedenken älterwerdender Herren und Senioren.

    Die Anfahrt zu San Marino führte uns durchs Hinterland von Gatteo a Mare, das wir nun schon etwas kannten. Saftig grüne Weizen- und Kornfelder gesäumt von rotblühendem Mohn und unterteilt von Olivenbäumen streiften an uns vorbei, der Duft des Pittosforo und Hibiscus allüberall, der seitliche Wind vom Meer,  Salat- und Gemüsereihen, ein Bewässerungskanal zur Rechten und schon standen wir auf der Kreuzung in ….. „Geradeaus heute, nicht wie gestern“ rief’s von hinten. Also gings geradeaus mitten in das Marktgewühle und Menschengedränge auf den kleinen Gassen und Piazzas, die allesamt kreuz, quer und vor allem dicht überstellt waren mit bunten Marktständen, Textilien, Calzature, Tischtücher, Babykleider, Cafeterias, Tellern, Gläsern, und am Ende (oder Anfang) auch Schinken, Gemüse, Frutti e Fiori.  Schlank und rank wie wir alle sind war das gar kein Hindernis für uns und wer weiss, ob gar einer sich in einer dicht an dicht stehenden sich aber immer wieder öffnenden jubelnden Fanmasse wähnte, wie sie bei Zielankünften des Giro so typisch sind…

    Und plötzlich der Aufstieg. Nichts mehr von Hinterrad und Vordermann, nichts mehr von Windschatten und Loki, nichts mehr von Reden und Quatschen und 12 Minuten Themen, nichts mehr von Fahrtwind: alles verzogen, vorbei, nur der Asphalt und Du. Die Sonne drückt, die anderen sind weg, es sollte doch eigentlich gehen, ja, dort gleich müsste oben sein. Doch nein, weiter steigt’s steil und gleichmässig zu alledem ohne ebene Brücken zur Erholung, nur Steigung, Steigung, Steigung und Verkehr, Lastwagen, Rauchwolken, Töffs, Autos, Touristencars. Eine Kurve noch, nein noch weiter. Mal was trinken, besser zu früh als zu spät, hab ich mal gehört. Ich hab auch mal gelesen: ‚Der geübte Bergfahrer wechselt ab zwischen Sitzen und Wiegetritt aus dem Sattel um sich vom Einen zu erholen’, ja wo bleibt denn da nur die Erholung ? Oben, die Luft wird besser, der Wald spendet Schatten und Kühlung, wie wohltuend ! Die Steigung aber bleibt. Die nächste Ecke: wieder nichts. Zeit für Flüche und Stöhnen. Nochmals aus dem Sattel, zum Runterschalten bleibt ja längst nichts mehr, und nochmals aus dem Sattel. Endlich: nur noch Himmel über der Strasse: Es kann nicht mehr weit sein. Da, ein Wächterhäuschen, Parkplätze, Festungsmauern, San Marino wir sind da.

    Doch der Veloclub kann's nicht lassen, höher rauf, ins Städtchen, nochmals 30 m Höhe und alles freiwilliges Leiden: (Ich nehm den Lift, hab ja schliesslich Geburtstag). Das Leiden, ja das ist der Preis der Freiheit. Das gilt für San Marino ganz besonders und dies erführ schon der Gründer der Serenissima, der ältesten Republik der Welt. Um das Jahr 300 soll Marinus, ein Steinhauer aus Rab, einer kroatischen Insel, als Bauarbeiter ins damals aufstrebende Rimini gekommen sein. Noch bevor im Jahr 303 unter Kaiser Diokletian die letzte und wohl auch schlimmste Christenverfolgung in Italien begann, flüchtete Marinus als Christ auf den nahe gelegenen und schwer zugänglichen Berg Titano. Nach und nach gesellten sich weitere Verfolgte zu ihm und so bildete sich eine erste Gemeinschaft auf dem Titano. Nach dem Tod von Marinus im Herbst 366 begründete sich San Marino als Republik auf dessen letzte Worte: „Relinquo vos liberos ab utroque homine“ („Ich lasse euch frei von jedem anderen Menschen zurück“). Und so glaube ich, der unheimlichen Motivation der Rennvelofahrer in San Marino endlich auf die Schliche gekommen zu sein: Leiden für Freiheit.

    Nach der Besichtigung des erhaben schönen Touristenstädtchens mit Rathaus (deren Wächter unsere Maschinen als nicht fotogen vom Eingang wegwiesen) und Kirche (aus der wir allerdings als Unzüchtige vertrieben wurden) blieb neben dem Füssigkeitsbetankung nicht viel Zeit für Souvenirs und Flanieren. Der Kellner schenkte mir als Geburtstagskind eine San Marino Münze als Glücksbringer, ich glaube Velofahrern bringt sie besondere Kräfte im Aufstieg. Die Aussicht, die schöne Landschaft und den strahlenden Himmel atmeten wir als wiederaufbauendes Wohlfühlmittel in uns ein und tragen die Bilder auch heute noch mit uns.

    Dass die Vorschriften für den Straßenverkehr in San Marino anders sind als in Italiens wussten wir Veloclübler nicht; auf der Heimfahrt hielten wir sie aber dennoch wie angeboren ein: Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit für die Autobahnstrecken in der Republik ist 110 km/h (In Italien sind es 130 km/h). Man muss auch die Kreisverkehre beachten, denn in San Marino haben diejenigen Vorfahrt, die von rechts hineinkommen („rechts vor links“) und nicht diejenigen, die schon im Kreisverkehr sind !!!!

    Ein wunderbarer Geburtstag ging mit einer wunderbaren Ausfahrt und einem erstklassigen italienischen Nachtessen und der obligaten Grappa morbido und Amaretto di Saronno Runde zu Ende. Mit herzlichem Dank und vielen Grüssen an alle.

    Richi Degonda

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